
Russlands Armee kommt Zusammenbruch der ukrainischen Saporoschje-Front näher

Von Jewgeni Krutikow
Russlands Verteidigungsministerium hat die Befreiung der Ortschaft Malaja Tokmatschka bisher noch nicht offiziell bestätigt, doch Angaben über deren Sturm erschienen seit etwa einer Woche. Russische Stoßtrupps sollen bereits im bebauten Gebiet kämpfen, also an der wichtigsten ukrainischen Stellung am Frontabschnitt Saporoschje.
Einige Siedlungen verbleiben so lange an der Frontlinie und erscheinen so oft in den Meldungen, dass ihr Name zum Sprichwort wird. In der Praxis werden solche Orte zur Hölle auf Erden, besonders, wenn sie eine taktisch wichtige Lage einnehmen, etwa eine größere Stadt decken. Die meisten Gebäude sind dort bis auf die Grundmauern zerstört, der gesamte Raum bis zum allerletzten Busch eingeschossen und die Straßen mit zerstörten Fahrzeugen vollgestopft.
Für Kolonnen oder größere Verbände ist es unmöglich, sich dort zu bewegen. Stoßtrupps können sich nur in Zweier- oder Dreiergruppen bewegen, weswegen kleine Gebäude mehrmals die Besitzer wechseln und ein sogenannter Blätterteig entsteht, in dem es unmöglich ist, eine genaue Frontlinie zu bestimmen und größere Kämpfe als Gefechte um ein Landhäuschen zu organisieren. Dabei wird jede Bewegung sofort erfasst und die entsprechende Stellung oder Route sofort mit Minenwerfern, Drohnen und Rohrartillerie angegriffen.
Da Frontalangriffe zu großen und unverhältnismäßigen Verlusten führen, setzen die Streitkräfte an solchen Orten auf Einkesselung über die Flanken. Doch auch hier besteht die Gefahr der Bewegung über offenes Gelände, während sich der Gegner in der Regel in Deckungen befindet.
So kann es wochen- oder gar monatelang weitergehen: Die Einnahme kleinen Ortes erweist sich für jede der Seiten als zu kompliziert und kostspielig. Genau das ist mit Malaja Tokmatschka passiert.

Es ist ein Dorf im Gebiet Saporoschje, das sich von Norden nach Süden erstreckt und durch den Fluss Konka eingegrenzt ist. Um das Dorf herum liegen mehrere hohe Hügel. Auf einem davon, zwischen der Stadt Orechow und Malaja Tokmatschka, richtete das ukrainische Militär einen großen Stützpunkt ein, aus dem das gesamte Gelände bis zu den ukrainischen Frontstellungen weiter südlich unter Feuer genommen werden konnte. Am südlichen Dorfrand lag zudem neben der Bahnstation der Gebäudekomplex der ehemaligen Strafkolonie Nr. 88, dessen Frontfassade südwärts zur Steppe zeigte – dorthin, wo russische Stoßtrupps passieren mussten.
Strafkolonien und Gefängnisse sowjetischer Bauart sind ideale Festungen. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass ukrainische Truppen solche Gebäude zur Errichtung eines Verteidigungsgürtels nutzten.
Diese Gebäude sind massiv, und so wurde die Strafkolonie Nr. 88 in den jahrelangen Kämpfen immer noch nicht vollständig zerstört. Sie wechselte mehrmals die Besitzer, wobei ukrainische Truppen dorthin von der Seite des zerstörten, aber immerhin Deckung gebenden Dorfes einrückten, während Soldaten der 42. Gardedivision der russischen 58. Armee über freies Feld marschieren mussten.
Die Ukraine nutzte die Strafkolonie als Hauptpunkt ihrer Verteidigung. In Verbindung mit dem großen Stützpunkt am Hügel bildete dies einen geschlossenen Verteidigungsperimeter, der zudem sowohl von Artilleriestellungen in Orechow selbst als auch von Batterien nördlich der Stadt gedeckt wurde.
Zu unterschiedlichen Zeitpunkten konzentrierte die Ukraine am Frontabschnitt Orechow Kräfte in Stärke von mehreren Brigaden, deren Personal ständig rotierte. Unmittelbar in und um Malaja Tokmatschka hielt Kiews Militär die 65. Separate mechanisierte Brigade Weliki Lug, die 23. Brigade der Nationalgarde und zusätzliche Kräfte der sogenannten Territorialverteidigung. Ein bedeutender Teil dieser Kräfte deckte Orechows Infrastruktur im Westen, Osten und Nordosten. Kiew lernte aus Russlands Taktik bei der Belagerung von großen Siedlungen und versuchte, Flankenangriffen und einer Unterbrechung der Versorgungswege der Garnison vorzubeugen.
Doch der Frontabschnitt südlich von Orechow, also den zentralen Abschnitt der Verteidigung, wurde ignoriert. Somit war der Weg über Nowodanilowka geschwächt, der Befestigungen in Malaja Tokmatschka umging, was vom russischen Kommando ausgenutzt wurde.
Die 42. Division rückte fünf Tage lang in kleinen Gruppen über Nowodanilowka vor, umging den befestigten Hügel und erreichte das Stadtgebiet von Orechow in der Nähe der Owtscharenko- und Lessja-Ukrainka-Straßen. Die "Festung Malaja Tokmatschka" wurde von der Stadt abgeschnitten und fand sich in einem Halbkessel wieder, ihre Versorgung wurde unterbrochen.
Es ist anzumerken, dass Nowodanilowka praktisch vollständig zerstört ist. Dort gibt es keine Stellen, die als Deckung genutzt werden könnte, daher hat es keinen Sinn, sich dort zu befestigen. So erwies sich der "sprunghafte" Vormarsch auf die Stadt als ein taktisch richtiger Zug.
Aus demselben Grund ist es schwierig, von einer Befestigung in Malaja Tokmatschka zu sprechen: Mit Ausnahme der alten ukrainischen Stellungen am Hügel und der Strafkolonie Nr. 88 ist das Dorf zerstört. Bislang gibt es keine Meldungen über eine Einnahme dieser Stellungen, doch nach einigen Angaben verließen ukrainische Truppen ihre Positionen in Tokmatschka und zogen sich nach Orechow sowie ins Gelände nordöstlich der Stadt zurück.
Eine vollwertige ukrainische Truppenpräsenz gibt es im leidgeprüften Dorf nicht mehr. Es ist wahrscheinlich, dass einige Versprengte im Westen der Siedlung in Kellern ausharren, doch ihre Aushebung ist nur eine Frage der Zeit.
Der wochenlange Durchbruch nach Orechow über Nowodanilowka war ursprünglich nicht als Operation zur Einnahme Malaja Tokmatschkas geplant und durchgeführt worden. Das Dorf erwies sich in Bezug auf die Gesamtlage am Frontabschnitt Orechow als ein "Ding in sich", eine Festung vor der Stadt. Doch die Stadt selbst ist eine Schlüsselstellung des ukrainischen Militärs auf einer vergleichsweise geraden Front von rund hundert Kilometern Länge. Ihr Verlust könnte zu einem Zusammenbruch dieser Front führen.
Die beste Option des ukrainischen Militärs ist jetzt ein Rückzug auf neue Stellungen entlang des Flusses Scherebez, doch aus politischen Gründen, von denen sich Kiew leiten lässt, wird dies nicht eintreten. Orechow wird nach Kräften gehalten werden, und ohne eine endgültige Säuberung Malaja Tokmatschkas wird eine Offensive im bebauten Stadtgebiet, wo ebenfalls Ruinen vorherrschen, nicht einfach sein.
Ukrainische Drohnenpiloten haben die Möglichkeit, russische Truppenbewegungen zumindest bei Tageslicht zu beobachten. Daher wird in nächster Zeit eine systematische Jagd nach ukrainischen Drohnenoperatoren am gesamten Frontabschnitt Orechow beginnen.
Kiew wird wahrscheinlich versuchen, entweder Reserven von anderen Frontabschnitten oder von den Flanken an den zentralen Verteidigungsabschnitt von Orechow zu verlegen. Doch damit riskiert das ukrainische Militär die bereits gewohnte Einkesselung.
Im Nordosten der Stadt errichteten ukrainische Truppen einige große Befestigungen, vor allem um Krasnaja Kriniza. Doch eine Verengung der Flanken könnte dem ukrainischen Militär einen üblen Streich spielen, denn ursprünglich war die Verteidigung Orechows von der wichtigsten Flankenposition in Malaja Tokmatschka abhängig. Nun ist der äußere Verteidigungsperimeter der Stadt durchbrochen und teilweise zerstört. Die Abwehr wird der Stadtgarnison, den Einheiten der 65. Separaten mechanisierten Brigade zufallen, doch dies wird nicht ausreichen, um die Offensive der russischen 58. Armee an einer breiteren Front als nur die Stadt Orechow zu stoppen.
Das ukrainische Militär steht vor der Wahl: Orechow aus politischen Gründen quasi in ein Ebenbild von Konstantinowka zu verwandeln, dessen Verlust unvermeidlich war und vergeblich aufgeschoben wurde, oder sich auf neue Stellungen am Fluss Scherebez zurückzuziehen. Beides wird einen faktischen Zusammenbruch der ukrainischen Saporoschje-Front bedeuten. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen in der Zeitung Wsgljad am 21. August.
Mehr zum Thema – Medienbericht: Ukrainische Polizei fordert Einwohner von Saporoschje zum Verlassen der Stadt auf
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