
Wenn das Private öffentlich wird – Zum Anschlag auf den Berliner CSD

Von Gert Ewen Ungar
Auf dem CSD in Berlin fuhr ein mutmaßlicher Islamist mit dem Auto in eine Menschenmenge. Dabei kam eine Person ums Leben, 16 weitere wurden verletzt – zum Teil lebensbedrohlich und schwer. Der mutmaßliche Täter ist deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft. Das Ereignis ist von großer Tragik.
Die Politik beeilt sich, mit den üblichen Floskeln die Tat zu verurteilen. "Diese Tat ist ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben", sagte beispielsweise Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Stellungnahmen anderer deutscher Politiker sind im Ton weitgehend ähnlich: Wir hier in Deutschland leben Freiheit und Vielfalt. Das wird von Missgünstigen, Neidern und ewig Gestrigen bedroht. Wir werden uns zu verteidigen wissen, lassen sich die Wortmeldungen von Merz und Co. zusammenfassen.
Sollte sich der Verdacht erhärten und es sich tatsächlich um einen religiös motivierten Anschlag auf sexuelle Minderheiten handeln, wäre das die Folge einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung der letzten Jahrzehnte, die von jenen Politikern aktiv unterstützt wurde, die nun in gestanzten Phrasen die Tat verurteilen. Die Frage, die sich angesichts des Attentats nämlich stellt, ist, ob das der deutschen und den westlichen Gesellschaften verordnete Konzept von Freiheit und Vielfalt im öffentlichen Raum überhaupt lebbar ist. Es ist es nicht, werde ich zeigen. Und das ganz unabhängig von Islam und mutmaßlicher islamistischer Täterschaft. Zuwanderung ist nur ein Aspekt der tragischen deutschen Konstellation, auf den sich nicht alles abschieben lässt und auf den man die aktuelle Tat nicht reduzieren sollte. Das würde zu kurz greifen.
Die Erfindung des Privaten
Eine der großen Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war die Trennung von privat und öffentlich. Das Private wurde dem Einblick und dem Zugriff von außen entzogen. Sinnbildlich für diese Entwicklung steht die Etablierung des Boudoirs in den städtischen Wohnungen des Bürgertums. Das private Ankleidezimmer erlaubte Intimität, Nacktheit und Individualität, da es der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Es war ein Raum der persönlichen Freiheit.

Spätestens mit Beginn des laufenden Jahrhunderts wurden in westlichen Gesellschaften die Grenzen zwischen öffentlich und privat wieder aufgelöst. Das zuvor Private wurde in den öffentlichen Raum getragen. Der Vorgang wurde als Akt der Emanzipation und Befreiung geframt. Das Intime, Sexualität und sexuelle Orientierung wurden ins Scheinwerferlicht, auf die Straßen und die öffentlichen Plätze gezerrt. Die Gay Prides sind ein exemplarischer Ausdruck davon.
Die öffentliche Zurschaustellung des zuvor Privaten musste und muss zu Abwehrreaktionen führen – Verstörung, Ablehnung, Unverständnis, Zurückweisung, Entsetzen, Ekel. Das kann man moralisch verurteilen, ändern kann man es nicht. Vor diesen Abwehrreaktionen kann der Staat auch nicht schützen. Das Ausmaß an Toleranz, das eine umfassende und andauernde Veröffentlichung des Privaten gesellschaftlich einfordert, lässt sich nicht gesetzlich verordnen. Es lässt sich nicht staatlich durchsetzen, wenn man dem Gedanken der freiheitlichen Gesellschaft verpflichtet bleiben will. Versucht man es doch, führt die staatliche Verpflichtung zur Toleranz in den Autoritarismus. Das ist die aktuelle Entwicklung in der EU.
Das Private im Öffentlichen
Die Trennung von privat und öffentlich stellte einen zivilisatorischen Fortschritt dar. Sie ermöglichte das Ausleben von Individualität in einem begrenzten Rahmen und schuf gleichzeitig den öffentlichen Raum, in dem das Intime keinen Platz hatte und formale Regeln zu beachten waren, die ein Zusammenleben ohne Brüskierungen, ohne Impertinenz, ohne Verletzung der Gefühle anderer ermöglichen sollten. Das gelang sicherlich nicht immer, aber es gelang besser als heute.
Durch die Aufhebung der Grenzen zwischen privat und öffentlich wurde dieser Schutzmechanismus zerstört. Man muss die Impertinenz anderer ertragen – das ist die aktuelle Norm der Idee von gesellschaftlicher Freiheit in westlichen Gesellschaften. Die Gay-Prides sind Ausdruck dieses Aufzwingens von Privatheit. Sie lösen daher Abwehrreaktionen aus. Wer meint, diese Abwehrreaktionen ließen sich verbieten und kontrollieren, wird sich getäuscht sehen. Der Versuch, es dennoch zu tun, führt im Gegenteil in die Repression. Der Prozess der Entgrenzung des Privaten ist insgesamt ein zivilisatorischer Rückschritt.
Kehrt man im westlichen Teil Europas nicht zur Trennung von privat und öffentlich zurück, werden sich Anschläge auf die Zurschaustellung des Privaten verstetigen. Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu, wird inzwischen ganz regelmäßig konstatiert. Darüber nachgedacht, warum das so ist, wird jedoch nicht. Man muss die Homophoben zur Toleranz zwingen, ist dagegen das einfältige Konzept, mit dem man dem Phänomen begegnen will. Auf diese Art wird sich das Problem nicht lösen lassen, sondern sich im Gegenteil verstetigen.
Verordnete Toleranz und der Weg in die Diktatur
Verstetigen werden sich damit auch die gestanzten Phrasen von Politikern, die eine Auflösung der Grenze von Privat und Öffentlich zur Freiheit verklären und diese Freiheit zur öffentlichen Selbstdarstellung unter einen besonderen Schutz stellen. Damit werden sich nicht nur die Anschläge, sondern auch die Abkehr von den Grundprinzipien demokratischer, bürgerlicher Gesellschaft befördern. Zugespitzt gesagt: Im Namen der Toleranz wird die EU zur Diktatur und die westeuropäischen Gesellschaften werden immer tiefer gespalten.
Wer dann noch Zuwanderung aus anderen Kulturen mit einem gänzlich anderen Wertesystem als Lösung für die wirtschaftspolitischen Versäumnisse hiesiger Politik fordert, der handelt nicht nur fahrlässig, sondern rein destruktiv. Diese beiden Ansätze, die Aufhebung des Privaten einerseits und Zuwanderung aus anderen Gesellschaftssystemen andererseits, stehen diametral zueinander. Wer das will und fordert, hat die Absicht, die deutsche Gesellschaft zu zersetzen und zu fragmentieren. Die Widersprüchlichkeit ist schon nach kurzem Nachdenken offenkundig. Wer dennoch daran festhält, handelt daher vorsätzlich. Wer das tut, will den Druck auf den gesellschaftlichen Kessel erhöhen.
Der Anschlag auf Teilnehmer des Berliner CSD ist tragisch. Aber er fällt nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis konkreter gesellschaftlicher Entwicklungen sowie konkreter Politik in Deutschland und der EU der letzten Jahrzehnte. Diese Entwicklung muss dringend einer Revision unterzogen werden, will man weitere Opfer vermeiden. Ob man das tatsächlich will – daran sind Zweifel angebracht. Vorerst bleibt daher nur, den Verletzten des Anschlags baldige Genesung, den Angehörigen Beileid, dem Attentäter eine gerechte Strafe zu wünschen.
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