
"Wostok Oil": Russland startet historisches Erdölprojekt, um das es der Westen beneiden wird

Von Olga Samofalowa
Das größte moderne Öl- und Gasprojekt nicht nur in Russland, sondern auch im weltweiten Maßstab – "Wostok Oil" – ist angelaufen. Den Startschuss gab der russische Präsident Wladimir Putin per Videokonferenz. Die ersten Öllieferungen gingen an das neue Terminal des Hafens "Buchta Sewer" auf der Halbinsel Taimyr und von dort weiter zum Export sowohl in westliche Länder als auch in asiatische Staaten. Der Staatschef erklärte:
"Die neue Ölpipeline verbindet die beiden Ölfelder Wankor und Pajacha mit dem Hafen 'Buchta Sewer'. Die Gesamtkapazität allein der ersten Ausbaustufe des Hafenterminals beträgt 30 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr und wird nach der vollständigen Inbetriebnahme des Terminals deutlich steigen. Damit wird 'Buchta Sewer' in Zukunft der größte nördliche Ölhafen der Welt sein."
Nach Angaben von Igor Setschin, dem Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft, wird der Hafen in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 eine Kapazität von 30 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen, und bis zum Jahr 2030 werden die Liefermengen auf bis zu 50 Millionen Tonnen pro Jahr ansteigen. Setschin fügte hinzu:

"Die weitere Entwicklung des Projekts wird es ermöglichen, die Lieferungen auf den Markt bei entsprechender Marktnachfrage und günstiger Konjunkturlage auf bis zu 100 Millionen Tonnen pro Jahr zu steigern."
100 Millionen Tonnen für ein einziges Projekt – das ist eine schier gewaltige Zahl, denn sie entspricht Lieferungen von rund zwei Millionen Barrel pro Tag, was dem Ausmaß eines einzelnen großen Ölförderlandes entspricht.
Interessanterweise richtete der Rosneft-Chef bei der Zeremonie einen Gruß an die ehemaligen westlichen Partner dieses einzigartigen Projekts:
"Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um den führenden Köpfen der weltweiten Branche meinen Gruß auszurichten, mit denen wir die Perspektiven des Projekts 'Wostok Oil' erörtert haben, darunter Robert Dudley, ehemaliger Chef von BP, Rex Tillerson, herausragender Ölmanager und ehemaliger Chef von ExxonMobil, sowie dem großartigen Geologen Tim Cook von Equinor, Stephen Greenley und Neil Daffin von ExxonMobil sowie unseren derzeitigen Partnern und Kollegen Daren Woods und Neil Chapman. Ich denke, sie werden sich sehr darüber (über den Start des Projekts) freuen."
Nach 2022 haben sich die westlichen Partner aus den gemeinsamen Projekten zurückgezogen, und nun zeigt der Chef von Rosneft den westlichen Großkonzernen, dass Russland Projekte eigenständig entwickeln kann.
Was macht dieses Rosneft-Projekt "Wostok Oil" so einzigartig?
Erstens die riesigen Ölvorkommen. In der heutigen Welt ist dies das größte Projekt zur Förderung von Kohlenwasserstoffen. Seine Ressourcenbasis im Norden der Region Krasnojarsk und im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen wird auf etwa sieben Milliarden Tonnen hochwertiges, schwefelarmes Öl geschätzt. Das sind 52 Lizenzgebiete, in denen sich 13 Öl- und Gasfelder befinden, darunter sowohl die bereits erschlossenen Felder der Wankor-Gruppe als auch neue.
Die Zusammensetzung des Öls macht die zweite Besonderheit des Projekts aus. Igor Juschkow, leitender Analyst des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation, hebt hervor:
"Es sei an das berühmte Treffen zwischen Wladimir Putin und Setschin im Jahr 2020 erinnert, bei dem der Chef von Rosneft ihm eine Flasche dieses hochwertigen Öls mit sehr niedrigem Schwefelgehalt überreichte. Solches Öl dürfte auf dem Weltmarkt teuer sein und so das Projekt rentabel machen."
Damals erklärte Setschin, dies sei das beste Öl der Welt, sogar besser als Öl aus dem Nahen Osten.
Drittens wird dieses Projekt unter den extremen klimatischen Bedingungen der Arktis umgesetzt. Juschkow fügt hinzu:
"Der Hafen 'Buchta Sewer' selbst liegt im östlichen Teil der Nordostpassage, und hier sind die Tanker sofort extremen Eisbedingungen ausgesetzt – im Gegensatz sogar zum Projekt 'Jamal LNG', von wo aus man nach Westen fahren kann, wo die Eisverhältnisse einfacher sind."
Daraus ergibt sich die vierte Besonderheit des Projekts: Für den Transport des Öls sind Öltanker der höchsten Eisklasse Arctic 7 erforderlich. Insgesamt liegt bei der fernöstlichen russischen Werft "Swesda" ein Auftrag für eine Serie von zehn solchen Tankschiffen der hohen Eisklasse Arctic 7 vor, und insgesamt ist im Rahmen des Projekts der Bau von 50 Schiffen verschiedener Klassen geplant, darunter Gastanker und herkömmliche Tankschiffe. Igor Juschkow erklärt:
"Die Situation mit der Flotte für 'Wostok Oil' ist einfacher als bei den Gasprojekten 'Jamal LNG' und 'Arctic LNG-2', da für den Bau von Gastankern eine spezielle Membrantechnologie erforderlich ist, um das Flüssigerdgas in den Schiffen zu halten. Öltanker hingegen sind im Grunde genommen riesige Tanks, und es stellt für Russland kein Problem dar, diese zu Schiffen der höchsten Eisklasse herzustellen, da wir sogar atomgetriebene Eisbrecher bauen können. Daher kann 'Swesda' tatsächlich eigenständig eine Flotte für 'Wostok Oil' bauen."
Das erste Öl des Projekts wurde vom Arktis-Tanker "Walentin Pikul" übernommen, der in einer Werft im Fernen Osten Russlands gebaut wurde. Im Reede wartet der Tanker "Akademik Gubkin" mit einer Tragfähigkeit von 120.000 Tonnen auf die Verladung. Das Schiff wurde ebenfalls in der Werft "Swesda" gebaut.
Schließlich ist "Wostok Oil" von strategischer Bedeutung für die Auslastung der Nordostpassage als Alternative zu den traditionellen Routen. Im Jahr 2025 wurden 37 Millionen Tonnen Fracht über die Nordostpassage transportiert, und bis 2030 soll sich das Frachtaufkommen verdoppeln – auf 70 Millionen Tonnen pro Jahr, verkündete Putin. Zudem eröffnet das Projekt neue Möglichkeiten für den Export der russischen Kohlenwasserstoffe in die Länder des asiatisch-pazifischen Raums.
Auch die Infrastruktur für dieses Projekt ist einzigartig. So ist der Hafen "Buсhta Sewer" auf der Halbinsel Taimyr an der Mündung des Jenissei zum nördlichsten Hafen der Welt geworden, und sein Ölterminal liegt fast 500 Kilometer nördlicher als der bisherige Rekordhalter im Guinness-Buch der Rekorde, wie das Unternehmen Rosneft betont.
Ganz zu schweigen davon, dass im Rahmen des Projekts der Bau neuer Stromerzeugungsanlagen mit einer Leistung von 3,5 Gigawatt, des Flugplatzes "Sewerny", von 15 Förderstätten sowie die Modernisierung der Flussinfrastruktur des Jenissei geplant ist.
Einige dieser Besonderheiten hätten natürlich auch ihre Kehrseite. So bedeute beispielsweise die Notwendigkeit, das Öl mit Tankern der höchsten Eisklasse zu transportieren, einen Anstieg der Selbstkosten des Öls, da der Transport teuer sei und die Gesamtbetriebskosten dieses Projekts hoch seien, bemerkt Juschkow. Es stelle sich die Frage, ob Russland in der Lage sein wird, eine Flotte von 30 Tankschiffen der Klasse Arctic 7 für ein Frachtvolumen von 50 bis 100 Millionen Tonnen serienmäßig und fristgerecht zu bauen, sagt der Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit Michail Wakiljan.
Andererseits gibt die Umsetzung des Projekts "Wostok Oil" Impulse für die Entwicklung verwandter Wirtschaftszweige in der Region – Maschinenbau, Metallurgie, Energiewirtschaft, Straßenbau und Schiffbau. Laut Setschin führe jeder in das Projekt investierte Rubel zu einer Steigerung der Nachfrage nach im Land hergestellten Waren und Dienstleistungen mit einem Multiplikatoreffekt von neun.
Unterdessen ist das Schicksal des Projekts "Wostok Oil" nicht einfach. Man sollte bedenken, dass der Start ursprünglich für das Jahr 2024 geplant war. Die Verschiebung wurde mit dem OPEC+-Abkommen in Verbindung gebracht, in dessen Rahmen Russland sich verpflichtet hat, die Förderung von Erdöl nicht nur nicht zu erhöhen, sondern sogar zu reduzieren. Wakiljan sieht darin jedoch nicht den einzigen Grund. Er meint:
"Das Projekt selbst hinkte ebenfalls hinterher. Im Frühjahr 2024 hatte der Bau des Ölverladekais im Hafen 'Buchta Sewer' gerade erst begonnen, und auch die Ölpipeline war noch weit von der Fertigstellung entfernt. Sanktionen erschwerten zudem die Lieferung von Ausrüstung, insbesondere für den Schiffbau."
Experten weisen auf eine weitere Besonderheit der Inbetriebnahme dieses Projekts hin: Derzeit ist die erste Phase des Projekts angelaufen, aber erst in der zweiten Phase werde die eigene Ressourcenbasis von "Wostok-Oil" erschlossen, von wo aus der Ölexport beginnen werde, sagt Juschkow. Michail Wakiljan ergänzt dazu:
"Die aktuelle Inbetriebnahme ist in der Tat von großer Bedeutung, da damit ein vollständiger Exportkreislauf für das Feld entsteht – eine rund 790 Kilometer lange Ölpipeline und ein eigener Seehafenterminal. Dabei darf man jedoch die Inbetriebnahme der Infrastruktur nicht mit dem Eintritt von 'Wostok Oil' in den kommerziellen Betrieb verwechseln.
In das Projekt ist Öl aus dem seit Langem in Betrieb befindlichen Wankor-Cluster einbezogen, das bereits über die Route Wankor–Purpe in das System von 'Transneft' und von dort unter anderem in die Ost-Sibirien-Pazifik-Pipeline gelangte. Die neue Infrastruktur ermöglicht es, diese Barrel nach Norden umzuleiten."
Igor Juschkow merkt an, dass in der ersten Phase des Projekts eine Ölpipeline und ein Exportterminal in "Buchta Sewer" gebaut wurden. Um diese sofort zu beladen, werde Erdöl aus den Krasnojarsker Feldern von Rosneft, das derzeit in die Ost-Sibirien-Pazifik-Pipeline fließt, dorthin umgeleitet. In der zweiten Phase soll dann Öl direkt aus den nördlichen Feldern von "Wostok Oil" selbst hinzukommen, so der Experte.
Wakilian weist hingegen auf ein seltenes Paradoxon des Projekts "Wostok Oil" hin:
"Über das Projekt wird extrem viel behauptet, aber unabhängig davon lässt sich vergleichsweise wenig überprüfen. Die Tragfähigkeit des Projekts werden wir in den kommenden Jahren anhand des Bohrfortschritts und der tatsächlichen Fördermenge des Pajacha-Clusters bewerten können. Die erste Lieferung gibt derzeit nur Aufschluss darüber, ob das Transportsystem funktioniert. Die Antwort auf die zentrale Frage, ob genügend Erdöl für eine großangelegte Auslastung vorhanden ist, steht noch aus."
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 6. September 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Olga Samofalowa ist eine russische Wirtschaftsanalystin.
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